Autodidaktische Moral
„Autodidaktische Moral“ – das klingt auf den ersten Blick widersinnig. Schließlich ist Moral ja etwas Gelerntes, Gesellschaftsimmanentes. Doch wollen wir, liebe Freunde der Wissenschaft, nicht vergessen, dass wir selbst Teil dieses Systems sind, das wir gemeinhin „die Gesellschaft“ nennen. Moral gründete sich schon immer auf den Ansichten jener, die sich selbst Moralisten schimpfen. Also will ich einen Versuch wagen, eine eigene Moral zu entwickeln und zu erlernen, was im Grunde genommen das selbe ist.
Ich selbst war einmal, dank meines Elternhauses, Teil jeder hypermoralischen Bewegung, die sich selbst als „die Linke“ bezeichnet. – Eigentlich ein willkürlich zusammengewürfelter Haufen beeinflusster Herdentiere, die mit ebenso willkürlich zusammengewürfelten Ideologien um sich werfen, oft ohne die echten Hintergründe zu kennen. Hypermoralisch wie ich war, stellte sich mir natürlich irgendwann einmal die Frage „Ist es überhaupt anständig oder moralisch vertretbar, Moral zu fordern?“. Da ich mich mit willkürlich festgelegten Dogmen nie anfreunden konnte, sie mir nämlich moralisch verwerflich erschienen, fand ich auch keinen Trost darin, dass man jawohl verlangen dürfte, was man selbst einhalte oder dass eine beliebige Moral besser sei als gar keine. Schließlich empfand ich es als durchweg unmoralisch, einem Anderen die eigenen Moralvorstellungen aufzuzwingen. So besiegte die Moral sich selbst und ich wurde vom Moralisten zum Moralkritiker.
Wenn verbieten verboten ist, dann muss man es doch verbieten, dass jemand das Verbieten verbieten will. Wenn jeder das Recht auf freie Meinungsäußerung hat, dann hat auch jeder das Recht darauf, frei heraus zu behaupten, freie Meinungsäußerung sei eine dumme Idee, wenn dies seine Meinung ist. Wenn jede Idee kritisch hinterfragt werden will, dann muss man auch kritisch hinterfragen, ob es überhaupt richtig sei, kritisch zu hinterfragen. Schließlich bleibt dem Moralisten auf der Suche nach der Moral nur die sokratische Lösung „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, gar nicht wissen kann. Und doch: Der Moralkritiker steht ebenso dumm da, wie jeder Moralist, da er eigentlich selbst einer ist. Kritik als Moral ist auch nicht unbedingt solider als jede andere. Was, so stellt sich ihm die Frage, nun tun? Angesichts des Nichtwissens kapitulieren und die Hände in den Schoß legen, weil jede Handlung sinnlos wäre? Wäre das Kapitulieren und die Passivwerdung nicht eine ebenso sinnlose Handlung wie jede andere auch? Ist es nicht viel mehr ganz und gar sinnlos, etwas abzulehnen, nur weil es sinnlos ist?
Wie sagt der Volksmund doch so schön? Wenn man will, dass etwas ordentlich gemacht wird, dann muss man es selbst tun. Wenn also niemand eine ordentliche Moral zu bieten hat, krempelt man am besten einfach die Ärmel hoch und baut selbst eine. So wird der Kritiker letztendlich zum Philosophen, wie ihn Nietzsche vorausgesagt hat, den man vielleicht als einen Künstler oder Handwerker unter den Wissenschaftlern sehen kann.
Moral ist als Ethik Handlungsgrundlage eines jeden Menschen. Folglich entstammt jedes Tun einer bereits vorhandenen Moral. Warum also nicht die verkorksten Ideologien und die fehlgeleitete Gesellschaftsmoral abschütteln und das, was übrig bleibt, von Grund auf neuordnen? Es ist oft besser, eine Festplatte zu formatieren und das Betriebssystem neu zu installieren als ein verpfuschtes System auf Biegen und Brechen reparieren zu wollen.
Das was übrig bleibt, das sind die Vernunft, die Triebe und der Wille. Diese Grundlagen autodidaktisch zu studieren, bedeutet auch, eine neue Moral zu entwickeln. Diese Moral ist automatisch, wie jede Form autodidaktischen Lernens, egozentrisch. Man darf also ruhig überrascht sein, ich bin es jedenfalls, zu welchem Altruismus ein egozentrische Moral fähig ist.
Da es einen bekanntermaßen weiser erscheinen lässt, sich auf die Weisheit Anderer zu berufen, möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche schließen:
„Erkennen heißt: Alle Dinge zu unserem Besten verstehen.“